Kraft und Stoff
Biogas-Pioniere im Wendland / Neues Deutschland 20.11.2006

 

 

Biogas-Pioniere im Wendland

 

Deutschlands erste Tankstelle mit der Öko-Alternative zum Erdgas steht in Jameln

Von Angelika Jansen

Im Wendland gibt es nicht nur regelmäßig Proteste gegen Castor-Transporte und das Atommülllager in Gorleben. Dort findet man auch die erste und bislang einzige Biogastankstelle Deutschlands.

Für die Akteure ist sie eine Option regionaler Autonomie, die lokale Überwindung der globalen Energiekrise, ihren Machern verspricht sie zusätzliches Einkommen, für die regionale Gaswirtschaft schließt sie eine Versorgungslücke und der Bürger freut sich über den günstigen Kraftstoff für sein Auto. Genauer gesagt für sein Erdgasauto, denn an Deutschlands erster Biogastankstelle, die so jung schon starke Fürsprecher findet, können Erdgasfahrzeuge statt mit fossilem Erdgas mit CO2-neutralem Biogas betankt werden.
Deshalb entschieden die Veranstalter des 3. Internationalen Ergasfahrertages im Jahr 2006, das Treffen im Landkreis Lüchow-Dannenberg, wo Deutschlands erste Biogastankstelle steht, zu organisieren. 180 angemeldete Erdgasfahrer wollten die Tankstelle und die dazugehörige Biogasanlage nicht nur besichtigen, sondern den Kraftstoff auch tanken. Härtetest bestanden. Über 40 Betankungen verzeichnete die Raiffeisenwaren-Genossenschaft Jameln (RWG) am Erdgasfahrertag.
Mehr als 40 Landwirte der RWG beliefern die dazugehörige Biogasanlage mit Mais, Gülle, Kleegras oder Roggen. Das gewonnene Biogas wird zurzeit noch zu 95 Prozent verstromt. Der weit geringere Teil wird in einer Aufbereitungsanlage zu Kraftstoff verarbeitet.
Rund zehn Erdgasfahrer pro Tag tanken derzeit in Jameln Biogas. Weit mehr als an neu eröffneten Erdgastankstellen üblich, bestätigt Reinhard Hunger von der EonAvacon in Lüneburg. Der Gasversorger unterstützte das Pilotprojekt, »weil es die Versorgungslücke mit Erdgastankstellen schließt.«
Die Menschen in der Region ziehen mit. Anfang 2006 zählte das Straßenverkehrsamt noch acht angemeldete Erdgasfahrzeuge im Landkreis Lüchow-Dannenberg, zum Ende des Jahres werden es rund 60 sein, sagt Biogaspionier und Initiator Horst Seide. Im Vergleich dazu verzeichnete das Kraftfahrtbundesamt für das Bundesgebiet eine Steigerung von 47 Prozent. Unterstützung findet der Vorsitzende der »Region Aktiv Wendland/Elbetal« bei den Autohändlern. Im vorletzten Jahr mussten Käufer eines Erdgasfahrzeuges noch ein Jahr bis zur Auslieferung warten. Wer jetzt noch bis Ende Oktober bestellt hat, kann das neue Jahr mit einer Erdgasfahrt beginnen.
»Die am meisten unterschätzte Region«, wie die Wirtschaftsförderung den Landkreis noch im letzten Jahr bezeichnete, zeigt den anderen, dass es doch geht. Wo noch vor wenigen Jahren die Aktivisten des Widerstands gegen die geplante Lagerstätte für Atommüll in Gorleben als naive und fanatische Ökos belächelt wurden, beweisen sie heute Kompetenz bei Biogas. Als andere sich bei ihnen über den Bau von Biogasanlagen informierten, legten die Wendländer schon mit der Tankstelle los. Aus vielen Aktivisten des Widerstands wurden Akteure, die für die Region Aktiv Modellprojekte erarbeiteten, von denen die Biogastankstelle eines ist. Umfassendes Know-how und Beharrlichkeit überzeugten auch etablierte Unternehmen wie die Raiffeisenwarengenossenschaft Jameln von dieser Investition in die Zukunft.
Genau zur richtigen Zeit bietet das Wendland eine Alternative für den Klimaschutz, bieten die hohen Preise herkömmlicher Kraftstoffe doch ein zugkräftiges Argument für das Biogas mit einem Kilopreis von 79,9 Euro. Anfragen von kommunalen Versorgern aus ganz Deutschland veranlassten die Projektleiter, über ein Seminarprogramm nachzudenken. »Nachahmer erwünscht«, ermuntert Landwirt und Biogaspionier Horst Seide.

 
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